Musik -Verein Oelde

Musik gestalten - Musik erleben

Der Musik-Verein Oelde – Eine Geschichte von Gemeinschaft und Klang

GrĂŒndung aus Aufbruch und Widerspruch (1906–1914)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte in Oelde wirtschaftlicher Aufschwung und gesellschaftliche StabilitĂ€t. In dieser Zeit spielte das Vereinsleben eine zentrale Rolle, besonders der Chorgesang. Aus inneren Spannungen im bestehenden MĂ€nnergesangverein heraus entstand 1906 eine neue Initiative: Der Musik-Verein Oelde wurde gegrĂŒndet – zunĂ€chst als MĂ€nnerchor, bald jedoch mit visionĂ€rem Weitblick.

Schon wenige Wochen nach der GrĂŒndung setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein gemischter Chor musikalisch wie gesellschaftlich grĂ¶ĂŸere Möglichkeiten bot. Die Öffnung fĂŒr Frauen markierte einen frĂŒhen Wendepunkt in der Vereinsgeschichte. Erste Konzerte und musikalisch-theatralische Abende zeigten rasch den Anspruch des jungen Vereins, mehr zu sein als ein Geselligkeitsclub.

Mit der Verpflichtung wechselnder Dirigenten – darunter Joseph Vieth, Willy Benda und spĂ€ter Hans Norden – entwickelte sich der Chor schnell weiter. Besonders unter Willy Benda wuchs das kĂŒnstlerische Niveau deutlich: Anspruchsvolle Programme, erste große Konzerte und positive Presseberichte machten den Musik-Verein ĂŒber Oelde hinaus bekannt. Der Erste Weltkrieg setzte dieser frĂŒhen BlĂŒte jedoch ein jĂ€hes Ende.


Neubeginn und erste große Werke (1919–1933)

Nach dem Krieg wagte der Verein 1919 einen mutigen Neubeginn. Die Versammlung gedachte der Gefallenen, wĂ€hlte einen neuen Vorstand und knĂŒpfte an die kĂŒnstlerischen Ambitionen der Vorkriegsjahre an. Unter Paul Seipt als Chorleiter begann eine Phase wachsender musikalischer Reife.

In den 1920er-Jahren wagte sich der Musik-Verein an große oratorische Werke. Ein Meilenstein war die AuffĂŒhrung von Joseph Haydns „Die Schöpfung“ im Jahr 1923 – ein außergewöhnliches Unterfangen in wirtschaftlich schwieriger Zeit. Die erfolgreiche Umsetzung stĂ€rkte das Selbstbewusstsein des Chores und festigte seinen Ruf.

Auch unter Karl Millies, der Seipt nachfolgte, hielt der Verein Kurs auf anspruchsvolle Programme. Dennoch machten wirtschaftliche Not, politische Spannungen und schwindende KrĂ€fte dem Vereinsleben zunehmend zu schaffen. 1933 wurde schließlich schweren Herzens die vorlĂ€ufige Auflösung beschlossen – ein tiefer Einschnitt fĂŒr das kulturelle Leben der Stadt.


WiedergrĂŒndung nach dem Krieg – Rudolf Haver prĂ€gt eine Ära (1946–1974)

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einem erneuten, diesmal nachhaltigen Neubeginn. Rudolf Haver, Sohn eines der frĂŒheren Vorsitzenden, wurde zur SchlĂŒsselfigur dieser Phase. Mit großem persönlichem Einsatz und organisatorischem Geschick trieb er die WiedergrĂŒndung 1946 voran und prĂ€gte den Verein ĂŒber Jahrzehnte hinweg – zunĂ€chst als SchriftfĂŒhrer, spĂ€ter als Vorsitzender.

Mit Ernst PĂŒttbach gewann der Musik-Verein einen Chorleiter, der kĂŒnstlerische Vision, pĂ€dagogisches Geschick und menschliche NĂ€he vereinte. Seine 27-jĂ€hrige TĂ€tigkeit wurde zur prĂ€gendsten DirigentenĂ€ra der Vereinsgeschichte. Unter seiner Leitung entwickelte sich der Chor zu einem leistungsfĂ€higen Konzertensemble mit ĂŒberregionaler Ausstrahlung.

Besondere Bedeutung erlangte die Zusammenarbeit mit dem Volks- bzw. Oratorienchor Bielefeld. Zahlreiche AuffĂŒhrungen fanden in der Oetkerhalle statt – einem der renommiertesten KonzertsĂ€le der Region. Werke wie Haydns „Schöpfung“, Mendelssohns „Elias“ und immer wieder Hermann Suters „Le Laudi“ wurden zu Markenzeichen des Chores.

Mangels geeigneter KonzertsĂ€le in Oelde zeigte sich Rudolf Havers außergewöhnliches Engagement auf besondere Weise: Werkhallen der Firma Haver & Boecker wurden zu provisorischen Konzerthallen umfunktioniert. Diese Improvisationskunst erlangte ĂŒberregionale Aufmerksamkeit und machte Oelde zeitweise zu einer „kleinen Oetkerhalle“.

Der plötzliche Tod Ernst PĂŒttbachs 1974 bedeutete eine erneute ZĂ€sur – menschlich wie musikalisch.


Neue Akzente und große JubilĂ€en (1974–1989)

Mit Engelbert Buhr begann eine neue Epoche. Er fĂŒhrte die Linie seines VorgĂ€ngers fort, setzte jedoch eigene Akzente: Neben klassischen Oratorien fanden nun auch Werke von Brahms, Poulenc, KodĂĄly und Beethoven Eingang ins Repertoire. Große JubilĂ€en – etwa das 70-jĂ€hrige Bestehen 1977 und das 75-jĂ€hrige JubilĂ€um 1982 – wurden mit anspruchsvollen Programmen gefeiert.

Ein besonderer Höhepunkt war die Mitwirkung an Gustav Mahlers Achter Sinfonie („Sinfonie der Tausend“)
– ein monumentales Gemeinschaftsprojekt, das den Musik-Verein als leistungsfĂ€higen Teil großer Chorformationen bestĂ€tigte.

1983 zog sich Rudolf Haver nach jahrzehntelangem Wirken aus dem Vorsitz zurĂŒck. Mit Friedhelm Heese ĂŒbernahm ein neuer Vorsitzender die Verantwortung – ein geordneter Übergang, der KontinuitĂ€t sicherte.

Engelbert Buhr verabschiedete sich 1989 nach 15 erfolgreichen Jahren. Mit ihm endete auch die enge Kooperation mit dem Oratorienchor Bielefeld – eine erneute Umbruchphase begann.


Neuorientierung und neue Chorgemeinschaften (1990–2000)

Nach kurzen Übergangslösungen ĂŒbernahm Matthias Hellmons die musikalische Leitung. Mit ihm öffnete sich der Musik-Verein bewusst neuen Wegen. Es entstand eine neue Chorgemeinschaft mit dem StĂ€dtischen Musik-Verein Paderborn und der Nordwestdeutschen Philharmonie.

Große Werke wie Orffs „Carmina Burana“, Verdis „Requiem“, Beethovens Neunte Sinfonie oder selten gespielte Kompositionen von SuppĂ© und Johann Michael Haydn zeugen von diesem erweiterten Horizont. Die AuffĂŒhrungsorte wechselten nun zwischen Oelde, Paderborn, Herford und spĂ€ter zunehmend auch kirchlichen RĂ€umen.

Mit der Pfarrkirche St. Vitus in Lette fand der Musik-Verein ab 1993 einen neuen, akustisch wie rĂ€umlich idealen AuffĂŒhrungsort. Diese Entscheidung prĂ€gte das Konzertleben nachhaltig.


KontinuitÀt, Offenheit und Ausblick

Über ein Jahrhundert hinweg hat sich der Musik-Verein Oelde immer wieder neu erfunden – ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Wechsel im Vorsitz und in der musikalischen Leitung waren nie bloße Personalien, sondern Motoren der Entwicklung. Große Werke, ungewöhnliche Spielorte, Kooperationen und der Mut zu Neuem kennzeichnen die Vereinsgeschichte.

Was geblieben ist, ist der Gedanke der Gemeinschaft: Musik als verbindende Kraft, getragen von ehrenamtlichem Engagement, Idealismus und Leidenschaft. Der Musik-Verein Oelde steht damit beispielhaft fĂŒr eine lebendige bĂŒrgerliche Musikkultur – gestern wie heute.